Interkulturalität erleben

Arbeitshilfe Seite 30 - 31

Gemeinschaft in interkulturellen Begegnungen

Allen interkulturellen Begegnungen – manchmal auch nur dem Gedanken daran – ist es zu eigen, dass sie bei den Beteiligten Emotionen hervorrufen. Diese Emotionen können einerseits als negativ erlebt werden. Wir erleben in unserer Gesellschaft, dass in interkulturellen Begegnungen die Andersartigkeit des Gegenübers vielen Menschen Angst macht, weswegen sie den Begegnungen mit Angehörigen einer anderen Kultur aus dem Weg gehen. Lieber bleibt man unter sich und bewegt sich im vertrauten Rahmen. Diese Angst und die damit verbundene Vermeidungsstrategie verhindern bei den betroffenen Menschen, dass es zu Begegnungen kommt, die geeignet wären, eben diese Vorbehalte abzubauen.

Auf andere Menschen wiederum scheinen interkulturelle Begegnungen einen magischen Reiz auszuüben. Die Andersartigkeit wirkt anziehend. Solche Begegnungen sind geprägt von Neugier am Gegenüber, an seinem oder ihrem Leben. Je stärker die Andersartigkeit wahrgenommen wird, desto interessanter wirkt das Gegenüber. Oftmals ist genau dieser Reiz der Motor, der Menschen verschiedener Kulturen auf dem Weg zueinander antreibt.

Überhöhung weicht realistischer Wahrnehmung

Und oftmals ist dieser Reiz auch der ›Klebstoff‹, der die Menschen verschiedener Kulturen – über alle Probleme hinweg, die Interkulturalität mit sich bringen kann – beieinander hält. Jeder oder jede, der oder die schon einmal über längere Zeit Teil eines interkulturellen Austausches war oder diesen gestaltet hat, weiß, dass die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen immer auch Herausforderungen birgt. Die anfängliche Faszination, die mitunter mit einer Überhöhung der jeweils anderen Kultur einhergehen kann, weicht einer realistischeren Wahrnehmung des Gegenübers, in der auch befremdliche Aspekte mehr und mehr erlebt werden. Im weiteren Verlauf der Begegnung können diese befremdlichen Aspekte als so dominant wahrgenommen werden, dass es so scheint, als sei ein weiteres Miteinander nicht möglich. Wird an diesem Punkt der Austausch beendet, wird die Begegnung als gescheitert erlebt. Findet aber die Begegnung über diesen Punkt hinaus statt, beginnt ab hier der eigentlich wichtigste Prozess des interkulturellen Lernens: die Akzeptanz der jeweils anderen UND auch der eigenen Kultur. Die Unterschiedlichkeit der Kulturen kann dann als Bereicherung erlebt werden. Die positiv empfundenen Aspekte der anderen Kultur werden nicht mehr überhöht, so dass es nicht mehr erstrebenswert ist, die eigene Kultur hinter sich lassen zu wollen, um Teil der anderen Kultur zu werden. Und die negativ empfundenen Aspekte der anderen Kultur machen die Begegnung nicht unmöglich. Römer 15,7 ist ein Bild für diese Art der Begegnung.

Austauschprogramm "Seitenwechsel" des ELM

Jährlich entsendet das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) rund 40 junge Menschen für ein Jahr in sozial-diakonische Projekte im globalen Süden. Eines der am häufigsten genannten Motive der zahlreichen BewerberInnen für dieses Programm ist der Reiz der interkulturellen Begegnung: Wie leben die Menschen in einem anderen Land – wie ›funktioniert‹ dort das Leben? Worin bestehen die Herausforderungen in deren Kultur? Und wodurch unterscheidet sie sich von meiner?

Alle Freiwilligen, die über das Programm ›Seitenwechsel‹ des ELM in die verschiedenen Partnerkirchen der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers entsandt werden, machen die weiter oben skizzierte Erfahrung und erleben sie bisweilen als existenzielle Krise. Sie lernen dabei viel über die Kultur des Landes, in dem sie sich für ein Jahr aufhalten. Vor allem lernen sie aber auch viel über die eigene Kultur und damit über sich selbst.

In den Ausreiseseminaren werden die Freiwilligen über verschiedene Planspiele auf die Herausforderungen interkultureller Begegnungen vorbereitet. Dabei können diese Planspiele nur die Simulation einer eventuellen Realität sein, die nicht den Anspruch erheben, die interkulturelle Begegnung zu ersetzen.

 

Der Autor

Niels von Türk

Niels von Türk, Referent für Freiwillige im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM)